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Interview mit Jan van Leyden
Ideale in harten Zeiten Interview mit Jan van Leyden aus Stadtgeflüster Münster, Ausgabe 2
http://www.stadtgefluester-muenster.de/05/02/interviews/jan_van_leiden.php
Gothic, Rollenspiele, Herr der Ringe: Das Mittelalter ist heute wieder topmodern. Ausgerechnet Münster hat eine der spannendsten Geschichten des späten Mittelalters erlebt – das Wiedertäuferreich. Leider verraten die gängigen Stadtführer nur dröge Fakten. Wir wollten mehr wissen, als die Sache mit den drei Käfigen am Lambertikirchturm. Deshalb fragten wir den, der es wissen muss: Während einer spiritistischen Sitzung in der Nacht zum 30. Mai habe ich für »Stadtgeflüster« mittels Gläserrücken Kontakt zum Geist des Wiedertäuferkönigs Jan Bockelson a.k.a. »Jan van Leiden« aufgenommen.
Carsten Krystofiak interviewt Jan van Leiden
Spießbürger?
Geist des Jan van Leiden! Wenn du mich hörst, klopfe dreimal für »Ja« oder viermal für »Nein«!
Äh, wie oft für Ja?
Oh, es funktioniert schon. Herr van Leiden, Sie heißen bürgerlich Jan Bockelson?
Richtig.
Wann kamen Sie zum ersten Mal nach Münster?
1533 war ich zum ersten Mal hier. Ich hatte gehört, in Münster wären die Wiedertäufer am radikalsten, das zog mich an. Es war Sommer und Münster war sehr schön. Mir fiel gleich die ungewöhnlich starke Befestigung auf. Ach, und eines war speziell an Münster: dass der weltliche Stadtrat sich dauernd mit dem Bischof in den Haaren lag. Das hat mir gleich gut gefallen. Ich wohnte bei einem Freund des Wiedertäuferpropheten Bernd Rothmann. Der und seine Clique waren harte Typen: Die wollten mit Gewalt ein »Tausendjähriges Reich« errichten.
Ach ja? Das hat sehr viel später noch jemand versucht ... ging aber auch schief. Was wollten die Wiedertäufer eigentlich genau?
Das ist eine gute Frage ... Erst mal Wohlstand und Gerechtigkeit für alle. Dann natürlich die Entmachtung der Kirchenfürsten. Und die Abschaffung kirchlicher Gerichte. Und ein Geschäftsverbot für Klöster. Und die Zollfreiheit für Wein und Bier. Und ... tja, alles Mögliche halt. Die Hauptsache war, den Bischof aus Münster rauszuwerfen und die Stadt zu besetzen.
Was haben Sie beruflich gemacht, bevor Sie Wiedertäuferkönig von Münster wurden?
Eine Menge! Ich war Schauspieler und habe Rhetorikkurse gegeben - was mir später noch sehr zugute kam. Dann hatte ich eine Hafenkneipe in Leiden, aber die lief nicht besonders. Na ja, die Pest und so ... Also dachte ich: Gehste eben wieder nach Münster und machst auch in Endzeitprediger. Warum nicht, das machten viele damals. Na, und ich war jung und brauchte das Geld ...
Obwohl es doch schon einen Wiedertäuferchef in Münster gab, den Jan Matthys ...
Ach, der Matthys ... der hatte an sich schon richtige Ideen. Aber er war kein, wie soll ich sagen ... kein Macher. Der war einfach kein Führertyp. Sonst hätte er sich vom Bischof nicht so einfach kaltstellen lassen.
Vier Zangen für ein Halleluja
Für Sie war das doch Glück - damit war der Platz für Sie frei ...
Na ja, es kann halt nur einen König geben. Der Papst akzeptiert ja auch keinen Neben- oder Gegenpapst. Die Stadt war sowieso zu klein für uns beide. Verstehen Sie, so eine Bewegung braucht einen charismatischen Anführer, sonst ziehen Sie keine Menschen an.
Gekrönt hat Sie ein Schneider aus Warendorf?
Nein, ein Goldschmied. Oh, Mann! Der Typ ... wie hieß der noch? ... das war echt ein Irrer! Jetzt fällt's mir wieder ein: Johann Dusentschuer. Total verrückt, der Vogel! Der glaubte wirklich an den ganzen Quatsch: Ich wäre der neue König David, hätte Gott ihm persönlich offenbart und so ... Tzz! Und dann setzt er mir eine Krone auf! Hatte er selbst angefertigt. Ich hätte fast lachen müssen ... aber die Leute haben die Sache ernst genommen. Tja, und plötzlich war ich der König! Hätte ich vielleicht "Nein" sagen sollen? Da möchte ich Sie mal sehen ... !
Und Knipperdollinck und Krechting? Das waren doch auch prominente Wiedertäufer. Haben die sich Ihnen so einfach untergeordnet?
Na, ich hab' denen halt die Rollen gegeben, die sie spielen wollten. Die Kerle waren korrumpiert, deshalb war auf sie Verlass! Aber der Knipperdollinck hatte immer die besten Einfälle! Die Idee mit den Kirchtürmen zum Beispiel, die war von ihm, wussten Sie das?
Nein. Was mit den Kirchtürmen?
Also, wenn Sie mit Geschützen das Umland unter Feuer nehmen wollen, brauchen Sie eine erhöhte Position, richtig? Na und da sind die Kirchtürme doch ideal! Bloß, die spitzen Dächer mussten natürlich runter. Das hätte aber ziemlichen Ärger gegeben. Darum dieser kleine Trick mit dem Bibelspruch »Das Niedrige soll erhöht, und das Hohe erniedrigt werden«. Das Niedrige sind die Kanonen und das Hohe die Kirchtürme. Dagegen konnte niemand was sagen. Genial, nicht?
Sie haben es ja auch lange geschafft, sich den Bischof vom Leib zu halten, nachdem Sie ihn aus der Stadt geworfen hatten ...
Ach, dieser Waldeck! Das war doch ein ... so ein Spinner! Jedenfalls hatten wir zuerst einen Riesenspaß mit dem. Seine Truppen lagen bei Telgte. Eines Tages haben wir uns einen üblen Jux einfallen lassen, um sie zu ärgern. Wir haben ein riesiges Fass zimmern lassen und mit Jauche gefüllt. Der Gestank war bestialisch! Mich schüttelt's jetzt noch! Also schnell Deckel drauf und das Ding auf einem Wagen durchs Mauritztor aus der Stadt gefahren. Dann hat der Fahrer so getan, als ob die Gäule durchgehen, er Reißaus nehmen und den Wagen im Stich lassen würde. Die dachten: »Aha, die Wiedertäufer versuchen, die Schätze aus der Stadt zu bringen«. Also haben sie mit Äxten auf das Fass eingedroschen. Als das Holz nachgab, kriegten sie die ganze Scheiße ab, harhar! Hahaha ...!
Igitt. Sagen Sie mal: die Sache mit Elisabeth Wandscherer, Ihrer Frau, die Sie selbst geköpft haben ... musste das denn sein?
Aaach, jetzt fangen Sie auch schon damit an! Die Alte hat mich total genervt! Da bin ich eben ausgerastet ... dabei hab' ich sie schon gut behandelt, vorher. Kleider, Schmuck, alles! Die anderen Frauen - ich hatte immerhin vierzehn - haben ja auch nichts gegen die Vielweiberei gehabt. Die Elisabeth hätte sich mal nicht so anstellen sollen. Was hätte ich denn machen sollen, als sie mich öffentlich kritisiert hat? Ich meine, als König und Stellvertreter Gottes, also ich bitte Sie, da kann ich mich von meiner Frau doch nicht öffentlich bloßstellen lassen! Da wäre meine Autorität doch futsch gewesen! Na schön: Im Nachhinein muss ich sagen, Köpfen war vielleicht etwas hart ... aber Sie dürfen nicht vergessen: Es waren auch harte Zeiten damals!
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